Film

Adieu, Mascotte

D 1929, R: Wilhelm Thiele

Freitag, 04. September 2020, 18.00 Uhr

Zeughauskino

Adieu, Mascotte

D 1929, R: Wilhelm Thiele, B: Franz Schulz, K: Nikolai Toporkoff, D: Igo Sym, Marietta Millner, Lilian Harvey, Harry Halm, 85‘ · 35mm

FR 04.09. um 18 Uhr · Am Flügel: Camille Phelep · Einführung: Heike Klapdor

Der Titel ist Programm: Adieu, Mascotte verlässt die sozialen Milieus an den Rändern der Gesellschaft um 1900, um kurz entschlossen ins gesellschaftliche Zentrum der Moderne zu springen. Der Film verabschiedet sich vom prekären Künstlermilieu und rettet Tugend und Liebe in wohlhabenden Verhältnissen. Er lässt die soziale Kritik des Weimarer Straßenfilms hinter sich und hat die soziale Utopie einer Standesgrenzen überschreitenden Liebe vor sich. Er wendet sich von der Tragödie ab und der Komödie zu, er erzählt statt eines Dramas ein Märchen.

Das „Modell vom Montmartre“, so der Arbeitstitel der Filmproduktion, läuft dem Schicksal der Puccini’schen Mimi davon. Das Maskottchen stirbt nicht an der Schwindsucht, es ist vielmehr so vital wie einfallsreich und wird für seine Dienstleistung in einem frivolen Spiel entlohnt. Die „Scènes de la vie de bohème“, mit denen der Film genresicher beginnt – ein Künstlerfest; ein totkrankes, armes Mädchen, das die Freundin mit dem Erlös einer Kunstauktion zu retten hofft -, verwandeln sich in Szenen einer großstädtischen dekadenten Zerstreuung – um sich am Ende noch einmal zu verwandeln in die Apotheose der bürgerlichen Ehe für Maler (Jean Dardier) und Modell (Lilian Harvey).

Ein insgeheim programmatischer Unterhaltungsfilm mit einem Aufstiegsversprechen, wie ihn Siegfried Kracauer gegeißelt hat als „Tagträume der Gesellschaft“, die vor allem die „kleinen Ladenmädchen“ träumen? Oder ein ironischer Film, der in seiner turbulenten Täuschungsdramaturgie die seinerzeit schon denunzierten Hoffnungen der Telefonistinnen und Stenotypistinnen parodiert? Oder gar ein feministischer Film avant la lettre? Bevor Mascotte am Ende dem weiblichen Rollenmodell als Künstlermuse Adieu sagt und nobilitiert, will heißen: gezähmt wird, agiert sie als Künstlerin im eigenen Namen. Der Glücksbringer sorgt für das eigene Glück. Die Protagonistin experimentiert mit den Spielarten der Geschlechterbeziehung, sie ist eine moderne Figur der Libertinage. Vielleicht haben die „kleinen Ladenmädchen“ 1929 ja davon geträumt. (hk)

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