Wohlbrück – Walbrook

Er sei der schönste Mann des deutschen Films, war in den 1930er-Jahren über den Schauspieler Adolf Wohlbrück zu lesen. Niemand konnte sich einen weißen Seidenschal so elegant umwerfen wie er und niemand die ihn umschwärmenden Frauen so eiskalt abblitzen lassen. Diese Beispiele lassen bereits die Abgründe erahnen, die Wohlbrücks Ausdruckskunst eine Dekade später im britischen Kino auszeichnen sollten, ehe er in den 1950er-Jahren in jene Rollen „mit grauen Schläfen“ hineinalterte, auf die er sich schon 1934 in einem Interview in der Zeitschrift Filmwelt gefreut hatte.

Adolf Wohlbrück wird am 19.11.1896 in Wien in eine aus Preußen stammende Familie mit jahrhundertealter Schauspiel- und Zirkustradition hineingeboren. Seine ersten Theatererfahrungen macht er 1915 unter Max Reinhardt, in den 1920er-Jahren brilliert er an Bühnen in München, Dresden und Berlin. Der Stummfilm ist trotz einiger Nebenrollen nicht sein Metier, zum Hauptdarsteller und Star wird er erst im Weimarer Tonfilm. Er bleibt dies auch im nationalsozialistischen Kino – trotz seines unvollständig eingereichten Ariernachweises (nach NS-Gesetzgebung hätte Wohlbrück mindestens als „Vierteljude“ gegolten) und trotz seiner in Filmkreisen bekannten Homosexualität.

Wohlbrück brilliert Mitte der 1930er-Jahre in Liebeskomödien und Krimis, später auch in Abenteuer- und Actionfilmen. Seine Paraderolle sind aber von Anfang an die eleganten und unterkühlten Liebhaber, die oft einem aristokratischen Milieu entstammen. Bereits im Stummfilm Wüstenrausch (1923) verkörpert Wohlbrück einen englischen Adligen, 1933 spielt er in der Travestie-Komödie Viktor und Viktoria „Londons berühmtesten Frauenkenner“ und ein Jahr später den Rechtsanwalt Brent in Die englische Heirat. Es sind Rollen, die Wohlbrücks zweite Karriere in Großbritannien erahnen lassen. 1937 nutzt der Star des deutschen (und nationalsozialistischen) Kinos die Gelegenheit eines Hollywood-Remakes von Der Kurier des Zaren, um seinen mittlerweile diskreditierten Vornamen Adolf loszuwerden: Wohlbrück nennt sich fortan Anton Walbrook und startet – was in jener Zeit nur wenigen emigrierten Schauspielern gelingt – eine internationale Karriere. Sein Rollenspektrum diversifiziert sich, die Figuren werden abgründiger und in der Zusammenarbeit mit Michael Powell und dem ebenfalls exilierten Emmerich Pressburger entstehen denkwürdige Meisterwerke des britischen Kinos wie The Life and Death of Colonel Blimp (1943) und The Red Shoes (1948).

Im europäischen Kino der Nachkriegszeit verkörpert Walbrook oftmals elegante, undurchsichtige Gentlemen, Adlige und Würdenträger. Allerdings ist er nur noch selten im Kino zu erleben, sondern seit Anfang der 1950er-Jahre vor allem auf den Bühnen in Düsseldorf, Hamburg, München, Berlin und London. Abgesehen von einigen wenigen Theateradaptionen für das Fernsehen arbeitet Wohlbrück seit 1958 sogar ausschließlich für das Theater. Fast wäre er sogar, als er 1967 während einer Vorstellung in München auf der Bühne zusammenbricht, einen jener Tode gestorben, die für viele Schauspieler Traum und Albtraum zugleich sind. Wohlbrück erholt sich nicht mehr. Kurze Zeit später, am 9. August 1967, stirbt er am Starnberger See.

Im Laufe seiner Karriere hat Wohlbrück in mehr als 50 Filmen mitgespielt, von denen wir – größtenteils als analoge Filmkopien – etwa die Hälfte zeigen werden. Begleitend zu der von Frederik Lang kuratierten und vom Hauptstadtkulturfonds geförderten Retrospektive erscheint im Verlag Synema (Wien) die Publikation Wohlbrück & Walbrook. Schauspieler, Gentleman, Emigrant.

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